Von der „Inklusion digitaler Medien“ …

von Philipp Staubitz

Inklusion und digitale Medien: diese Begriffe werden häufig gemeinsam in Sätzen im Kontext zeitgemäßer Bildung genannt. Meistens geht es darum, die Potentiale digitaler Medien zu nutzen, um die Aktivität und Teilhabe von Schüler:innen mit dem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot zu steigern und Ihren individuellen (Lern-) Voraussetzungen Sorge zu tragen.

Darum geht es in diesem Text nicht.

Wenn man im schulischen Kontext von Digitalisierung spricht, wird häufig nur die Frage beleuchtet, wie ich bewährte analoge Medien durch eine digitale Variante erweitern oder ersetzen kann. Der oft zitierte und viel diskutierte Mehrwert digitaler Medien bestimmt vielerorts das Bild vom Lernen unter den Bedingungen der Digitalität.

Ich stelle mir daher seit Jahren die Frage, wie ich meinen eigenen Unterricht nicht nur mit digitalen Medien anreichern oder ergänzen, sondern beides im Sinne eines echten didaktischen Konzeptes verschmelzen kann. Also eine Inklusion digitaler Medien.

Darum geht es in diesem Text.

Von der Exklusion zur Integration

In der ersten Phase, der Exklusion, spielten digitale Medien in der Schule quasi keine Rolle. Die technische Entwicklung war noch nicht sehr weit vorangeschritten und der Besitz eines Computers keine Normalität. Der traditionelle analoge Präsenzunterricht und digitale Lernen waren vollständig voneinander getrennte Felder.

Mit immer besser werdenden Endgeräten wurden die Möglichkeiten vielfältiger und ein Einsatz auch im schulischen Kontext somit prinzipiell möglich und sinnvoll. Trotzdem fanden digitale Geräte und Anwendungen keinen flächendeckenden Zugang in der Bildungslandschaft. In dieser Phase der Separation gab es nach wie vor keinerlei Berührungspunkte zwischen den beiden Bereichen.

Ausstattung von Schulen mit Computern, Lernsoftwares, das Aufkommen neuer digitaler Geräteklassen wie Tablets, die Verfügbarkeit von (Lern-) Apps, die langsam zunehmende Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Internet und der schrittweise Einzug digitaler Endgeräte in die Lebenswelt der Bundesbürger sorgte dafür, dass Digitalität und Schule nicht mehr vollständig getrennt voneinander betrachtet werden konnten. Das Potential des Einsatzes der „neuen Medien“ zur Ergänzung des analogen Unterrichts und später auch die neuen Möglichkeiten für das Lernen unter den Bedingungen der Digitalität durch die Vernetzung im Internet sorgten dafür, dass sich die beiden Bereiche mehr und mehr aufeinander zubewegten. Man muss hier allerdings (immer noch) von einer Integration sprechen, also einer partiellen Verschränkung der beiden Bereiche. Digitale Medien sind in vielen Schulen nach wie vor mehr additiv als fundamental, mehr Ergänzung als eigenes Lernfeld, mehr Spielerei als „richtiger Unterricht“. Die Diskussion und somit der Rechtfertigungszwang digitaler Bildung zeigt sich sehr deutlich an der Mehrwert-Diskussion. Digitale Medien müssen sich ihren Platz im traditionellen Unterricht immer noch verdienen, indem sie bekannte Prozesse optimieren, ergänzen und partiell ersetzen können. Das Arbeitsblatt als PDF, das Tablet als Kamera und Overheadprojektor und YouTube statt VHS-Wagen sind nur einige Beispiele der Vorstellung einer weit verbreiteten Vorstellung von Digitalisierung im Bildungswesen. Der Einsatz beschränkt sich häufig auf den Einsatz von bestimmten Tools und Apps, konkrete Didaktisierungsansätze sind häufig noch mehr Ausnahme als Alltag. Und trotzdem hat sich in dieser Phase sehr viel im Bereich der Digitalisierung von Schulen getan.

Bedeutung für unsere Schüler:innen

Das übergeordnete Ziel sonderpädagogischer Bildungsangebote, ist das Erreichen der größtmöglichen Aktivität und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen. Der Individualisierungsbegriff meint hier ein tatsächliches Ausgehen von den individuellen (Lern-) Voraussetzungen der Schüler:innen und bezieht sich nicht auf vordefinierte Niveaus oder Lernstufen. „Vom Kind zum Progamm“ ist die Grundidee hinter einer individuellen Lern- und Entwicklungsbegleitung.

Genau aus diesen Gründen spielt der Einsatz digitaler Medien für unsere Zielgruppe eine enorm wichtige Rolle, sowohl in der Schule als auch im echten Leben. Aktuelle Endgeräte wie Tablets sind mobil, einfach zu bedienen, bieten verschiedene Zugänge und Aneignungsmöglichkeiten und eröffnen Schüler:innen und Lehrer:innen viele neue Möglichkeiten zur Differenzierung und Individualisierung. Außerdem steigert der Einsatz zeitgemäßer und lebensweltorientierte Lernformen die Motivation vieler Schüler:innen und ermöglicht ihnen, sich (wieder) auf schulisches Lernen einlassen zu können. Darüber hinaus bieten mobile digitale Endgeräte und passende Apps viele Möglichkeiten für das Empowerment von Kindern und Jugendlichen, wenn diese sie beispielsweise befähigen wieder selbst aktiv zu kommunizieren (Unterstützte Kommunikation).

Durch die einfache Bedienung moderner mobiler Endgeräte und die Verfügbarkeit vieler verschiedener Apps und Online-Plattformen, sind Schüler:innen auch nicht zwingend immer nur auf der Seite der Konsument:innen zu sehen, sondern können eigenaktiv und selbstwirksam Inhalte erschließen, eigene Kompetenzen weiterentwickeln und auch selbst mediale Produkte erstellen.

Der Einsatz digitaler Medien für die Steigerung der Aktivität und Teilhabe von Schüler:innen mit besonderen (Lern-) Voraussetzungen sollte daher konsequent gedacht und umgesetzt werden.

Perspektive: Inklusion digitaler Medien

Inklusion: ein Begriff, viele verschiedene Auslegungen und Interpretationen. Wenn ich von Inklusion spreche, dann meine ich ein gesellschaftliches Idealbild, indem es keine nach bestimmten Merkmalen definierten Gruppen mehr gibt. Inklusion beschreibt den Menschen als gleichwertig und vermeidet in der Folge eine Etikettierung. Somit beschreibt Inklusion einen ideellen Zustand, für dessen Erreichen sich gesamtgesellschaftlich viel verändern muss. Das lässt sich auch auf das Themenfeld digitaler Medien anwenden.

Die Corona Pandemie brachte uns plötzlich in eine sehr ungewohnte und herausfordernde Situation: Unterricht funktionierte auf einmal nicht mehr ohne den Einsatz digitaler Medien. Fernlernen basierte durch das Führen von Videokonferenzen und den Einsatz verschiedener Apps, Tools und (Lern-) Plattformen fast vollständig auf digitalen Lösungen. Das war für viele Lehrer:innen sicherlich eine völlig neue Erfahrung, gleichzeitig aber auch ein häufig eher unfreiwilliger Einstieg in die Thematik. Viele engagierte Kolleg:innen haben sich auf den Weg gemacht hier passende Formen des Unterrichts zu entwickeln, um die Schüler:innen in der ungewöhnlichen Situation bestmöglich zu begleiten. Natürlich galt es hier viele Hindernisse zu überwinden, natürlich ist nicht jeder digitale Unterricht automatisch qualitativ hochwertig, natürlich mangelt es hier in der Fläche sicherlich noch an zeitgemäßen didaktischen Konzepten –  aber: digitale Medien waren plötzlich ein fester und grundlegender Bestandteil des eigenen Unterrichts. Quasi eine Inklusion durch die Hintertür.

Bleibt die Frage, was mit den gewonnenen Erkenntnissen, Kompetenzen und der neuen Art der Kommunikation und des digitalen Zusammenarbeitens passiert, wenn Unterricht wieder vermehrt in Präsenz stattfindet. Gelingt es in der Fläche neue, zeitgemäße hybride Unterrichtsformen zu entwickeln oder verläuft sich die Entwicklung wieder im Sande?

Eine Inklusion digitaler Medien würde folgendermaßen aussehen:

  • Der Einsatz digitaler Medien stellt kein additives Feld mehr dar, sondern wird zur Regel.
  • Lehrer:innen begreifen den Einsatz digitaler Medien nicht mehr als zusätzlichen Aufwand, sondern als integralen Bestandteil des eigenen Berufsbildes.
  • Digitale Medien und Präsenzunterrichts gehen in hybriden Lernsettings fließend ineinander über.

Inklusion in Sicht – hybride Lernszenarien

Für die Inklusion digitaler Medien erhalten hybride Lern- und Unterrichtsszenarien in der Post-Corona-Zeit für mich einen zentralen Stellenwert. Hybrider Unterricht ist für mich die konsequente Verschränkung digitaler und analoger Lernszenarien, ist nicht ortsgebunden, ermöglicht es Lerngruppen synchron und asynchron zu arbeiten und zu kommunizieren, ist hoch differenziert und individualisiert und bietet Möglichkeiten für neue Lernformen unter den Bedingungen der Digitalität. Wie das in der Schulpraxis konkret aussehen könnte, möchte ich am Beispiel aus meinem eigenen Unterricht der letzten Jahre verdeutlichen.

Aller Anfang ist schwer, so auch in meiner unmittelbaren Zeit als Klassenlehrer einer jahrgangsgemischten Klasse 7-8 im Förderschwerpunkt LERNEN nach meinem Vorbereitungsdienst. Ich bin schon früh mit digitalen Medien im Kontext Unterricht in Berührung gekommen, hatte aber zu Beginn meiner Dienstzeit nicht die notwenigen materiellen, finanziellen oder zeitlichen Ressourcen hier einen konkreten Ansatz zu entwickeln. In der Folge war mein Unterricht eher klassisch ausgestaltet und digitale Medien spielten kaum eine Rolle (Exklusion). Später leitete ich eine Internet- und Computer AG, mein regulärer Unterricht wurde davon aber zunächst nicht tangiert (Separation). Nachdem sich ich eine gewisse Routine entwickelt hatte, die Bedarfe der Schüler:innen besser im Blick hatte und ich die Möglichkeit hatte erste Tablets anzuschaffen, machte ich mich auf den Weg meinen Unterricht Stück für Stück digital anzureichern (Integration). Zu dieser Zeit gab es wenig Anknüpfungspunkte oder Erfahrungswerte in der Schullandschaft vor allem in Kontext der Sonderpädagogik. Es galt also zunächst das Trial-and-Error-Prinzip. Ich probierte viele verschiedene Möglichkeiten aus Elementen meines Unterrichts digital zu ergänzen und in ersten Teilen auch schon zu ersetzen. Der Tageslichtprojektor musste einem Beamer und iPad weichen, das Arbeitsblatt wurde durch die ein oder andere LearningApp ersetzt und Projekttage waren fortan für Filmprojekte mit Schüler:innen reserviert. Auch der Einsatz als Lehrertool zur Planung und Dokumentation von Unterricht war für mich sehr gewinnbringend und wurde im Laufe der Zeit bis hin zum papierlosen Büro gesteigert. Die Motivation der Schüler:innen im selbstständigen Einsatz digitaler Endgeräte war sehr hoch und es war relativ einfach neue Dinge auszuprobieren und die Klasse auch in die Reflexion des Prozesses mitzunehmen. Am besten war für mich die neue Möglichkeit auf ansprechende und motivierende Art und Weise Lerninhalte differenziert und individualisiert aufzubereiten oder auch von den Schüler:innen selbst erstellen zu lassen. Es wurden hybride Wochenpläne mit QR Codes entwickelt, digitale Lerntheken ausprobiert und erste eigene Lernvideos produziert.

Den methodischen Schwerpunkt bildeten schon sehr früh kooperative Lernformen. Mir war es immer sehr wichtig Kompetenzen sowohl im inhalts-, prozessbezogenen aber auch im sozialen Bereich zu fokussieren. Daher wurden viele Unterrichtsanteile partiell oder auch vollständig in kooperativen Lernformen von den Schüler:innen erarbeitet. Vereinzelt kamen auch hier schon digitale Lernangebote wie z.B. Lernvideos oder digitale Lernbausteine wie LearningApps zum Einsatz. Dennoch waren digitale Medien zu diesem Zeitpunkt noch ein additives Element und es fehlte mir noch einem konkreten didaktischen Konzept.

In dieser Zeit stieß ich auf den flipped classroom. Einfach erklärt handelt es sich hierbei um einen didaktischen Ansatz, der durch die Verfügbarkeit von Lernvideos (oder auch analogen Medien) die Schüler:innen vor dem Unterricht befähigen soll, bestimmte Inhalte selbstständig zu erarbeiten. In der Folge hat man im Unterricht idealerweise vorbereitete Klassen vor sich sitzen, mit denen man in eine ganz andere Form der Präsenzveranstaltung gehen kann. Der Schwerpunkt liegt auf der Anwendung, dem gemeinsamen Üben und dem Transfer des Gelernten. Der flipped classroom ist somit nicht zwingend als digitales Didaktisierungsprinzip zu verstehen, lässt sich aber gut mit digitalen Elementen anreichern. Nach ersten Versuchen wurde mir relativ schnell klar, dass es völlig utopisch ist, dass alle Schüler:innen sich zuhause durch ein Lernvideo auf den Unterricht vorbereiten. Und selbst wenn sie ein Video gesehen hatten, war nicht zwingend garantiert, dass der Inhalt auch verstanden wurde. Es musste eine modifizierte Form her, der sogenannte in-flip. Dabei wird der Input zwar auch in ein Lernvideo ausgelagert, dieses wird aber im Unterricht angesehen. Nach einer Crowdfunding Aktion und den damit gewonnenen finanziellen Ressourcen war es zu diesem Zeitpunkt möglich eine erste iPad Klasse auszustatten, in der alle Schüler:innen über ein eigenes Endgerät verfügten. Jeder und jede hatte also die Möglichkeit Lernvideos mit dem eigenen Gerät und Kopfhörern anzusehen und dieses bei Bedarf jederzeit wieder abrufen zu können. Da wir ohnehin durchgehend mit kooperativen Lernformen gearbeitet hatten, wurde dies mit dem Ansatz des flipped classrooms kombiniert:

Impuls zu einem neuen Thema

Zu Beginn einer Einheit fand immer ein klassischer gemeinsamer Impuls mit der ganzen Klasse statt. D diente dazu die Schüler:innen zu motivieren, die Relevanz und den Lebensweltbezug zu verdeutlichen und Transparenz hinsichtlich der Ziele zu schaffen.

Lernvideo zum Thema ansehen

Die Videos wurden von mir produziert, in einer digitalen Lernumgebung hochgeladen und den Schüler:innen als QR-Codes zur Verfügung gestellt. Jede und jeder konnte das Video für sich mit seinem eigenen Endgerät ansehen und den begleitenden Arbeitsauftrag im eigenen Tempo und mit der benötigen Anzahl an Wiederholungen des Videos bearbeiten. Die Lernvideos waren häufig interaktiv gestaltet, d.h. es gab Hinweise das Video zu pausieren, bestimmte Schritte nachzumachen oder begleitend Aufgaben zu bearbeiten oder konkrete Dinge herzustellen (z.B. geometrische Figuren als Grundlage für die Ableitung von Formeln). Die Schüler:innen wurden von mir in dem Prozess individuell unterstützt.

Einzelarbeit (Think-Phase)

Das Video, der begleitende Arbeitsauftrag und die individuelle Unterstützung durch mich hatten im Idealfall eine Verstehensgrundlage geschaffen, damit die Schüler:innen arbeitsfähig waren. Es folgte die Einzelarbeit, in der die Klasse einen weiteren Arbeitsauftrag erhielt, der etwas komplexer und ausführlicher war. Hier konnte das Gelernte konkret angewendet werden. Diese Phasen verliefen hoch individuell und waren anfangs nicht immer ganz einfach aufzufangen. Mit der Zeit und einem bestimmten Maß an Routine gelang es den Schüler:innen aber zunehmend besser, sich Inhalte durch gezieltes Ansehen und Wiederholen relevanter Passagen anzueignen und zu transferieren. Die benötigten Materialien und multimedialen Übungen standen in einer digitalen Lernumgebung und grafisch einfach strukturiert zur Verfügung (zunächst mit Padlet, später Classcraft).

Partnerarbeit (Pair-Phase)

Natürlich war das Tempo der einzelnen Schüler:innen genau so unterschiedlich, wie die Klasse insgesamt heterogen war. Das war in diesem Fall aber tatsächlich alles andere als schlimm, da jede und jeder im eigenen Tempo arbeiten konnte. Wenn man in der Einzelarbeitsphase schnell fertig war, war es zunächst eine größere Herausforderung sich selbstständig und vor allem leise eine Partnerin oder einen Partner zu suchen. Als das immer besser gelang, benötigte es keinerlei Steuerung durch mich. Die Schüler:innen organisierten sich zunehmend selbstständig und waren mithilfe der digitalen Lernumgebung arbeitsfähig . Sie bearbeiteten gemeinsam einen weiteren, meist digitalen, Arbeitsauftrag. Dieser war etwas komplexer und es wurden positive Abhängigkeiten geschaffen, um die Kooperation des Teams zu stärken. Auch in dieser Phase arbeiteten die Schüler:innen sehr selbstständig und ich konnte mich als Lernbegleiter gezielt einschalten, wenn ich gebraucht wurde. Wenn Teams fertig waren und die restliche Klasse noch Zeit benötigte, wurde mit dem eigenen Wochenplan zum Thema begonnen oder ein eigenes digitales Lernprodukt erstellt. Die Schüler:innen entwickelten zum Beispiel eigene kurze Lernvideos oder erstellten LearningApps für ihre Klassenkamerad:innen.

Aktives Plenum (Share-Phase)

Den Schlusspunkt der kooperativen Lernform stellte die Methode des aktiven Plenums dar. Sobald alle Schüler:innen die vorherigen Phasen abgeschlossen hatten, sammelte sich die Klasse in der Mitte des Raumes und bestimmte eine Moderatorin und eine Schreiberin. Die ausgewählten Schüler:innen waren nur zuständig für das Aufrufen oder das Protokollieren des Besprochenen. Die restliche Klasse löste kooperativ einen zum Thema passenden Arbeitsauftrag. Die Lehrperson saß hinten im Raum und brachte sich nur dann ein, wenn die Klasse nicht mehr alleine weiterarbeiten konnte oder die Lösungsfindung in eine vollständig falsche Richtung lief. Die Aufgaben waren hier meist sehr problemorientiert konzipiert und verlangten den Wissenstransfer aus den vorherigen Phasen. Die Klasse lernte im Laufe eines Schuljahres, die Probleme gemeinsam zu lösen und auch schwächere Schüler:innen einzubeziehen. Das Ziel war nicht nur das Lösen des Problems, sondern dass alle den Lerninhalt verstanden hatten und auf das Problem anwenden konnten. Das funktionierte die ersten Wochen quasi gar nicht! Im Laufe der Zeit und mit zunehmendem Erleben eigener Selbstwirksamkeit und punktueller Unterstützung meinerseits, gelang es den Schüler:innen immer besser diese Phase selbstständig durchzuführen und so zu guten Ergebnissen zu gelangen. Auch hier wurden die Arbeitsaufträge in einer digitalen Lernumgebung zur Verfügung gestellt und die Klasse konnte jederzeit auf die vorherigen Aufgaben und Lernvideos zurückgreifen.

Wochenplan

Um den individuellen Lernvoraussetzungen der Schüler:innen Sorge zu tragen, arbeiteten wir in der Klasse viel mit Wochenplänen. Diese waren unterschiedlich in Umfang und Schwierigkeitsgrad und setzten sich aus klassischen Schulbuchaufgaben, aktiv handelnden und kooperativen Aufgaben und multimedialen Bausteinen zusammen.

Übersicht

Diese Lernform wurde über ein ganzes Schuljahr Stück für Stück und vor allem im permanenten Austausch mit den Schüler:innen entwickelt. Mit der Zeit konnte die Klasse immer selbstständiger Arbeiten und brauchte sich durch Rückmeldungen und konstruktive Verbesserungsvorschläge aktiv in die Weiterentwicklung des Ansatzes ein.

Als digitale Lernumgebung wurde anfangs vor allem Padlet verwendet, mit der Zeit stieg ich mit der Klasse auf einem gamifizierten Unterricht mit Classcraft ein, wo die Lernszenarien in Form von Levels aufgebaut waren. Unabhängig von der Plattform, standen den Schüler:innen durchgehend Informationen, Lernvideos, Aufgaben und Lösungen im Digitalraum und somit auch außerhalb der Schule zur Verfügung.

Beispiel: digitale Lernumgebung mit Padlet
Beispiel: digitale Lernumgebung mit Classcraft

Die Grundlage für einen gelingenden hybriden Unterricht ist eine Art digitales Portfolio im Hintergrund, also eine Sammlung verschiedener Materialien, Lernvideos und digital vorbereiteter Methoden. So kann man im Präsenzunterricht jederzeit flexibel auf  verschiedene Situationen reagieren. Wenn jemand etwas nicht verstanden hat, kann die Person sich beispielsweise den Input im Lernvideo noch einmal ansehen, sich mit einer anderen Person in die gemeinsame Lösungsfindung begeben, oder der Lehrkraft Fragen stellen und mit ihr Lösungsansätze entwickeln. Das Setting wird offener, für die Schüler:innen handeln eigenverantwortlicher und die Lehrkraft kann zunehmend eine individuelle Lernbegleitung übergehen.

Gerne hätte ich diesen didaktischen Ansatz noch konsequent weiterentwickelt und noch mehr Möglichkeiten für die synchrone und asynchrone Online-Kollaboration etabliert, was mir aus Zeitgründen mit dieser Klasse leider nicht mehr gelang.

Auch wenn diese Lernform noch kein perfektes Beispiel für eine Inklusion digitaler Medien ist, so zeigt das Beispiel doch deutlich, wie hybride Lernformen den Weg in diese Richtung bereiten und so zu einem anderen Verständnis zum Lernen unter den Bedingungen der Digitalität beitragen können.

Need for hybrid – ein Plädoyer

In der aktuellen Situation erscheint eine Inklusion digitaler Medien in der Breite eine teilweise noch weit entfernte Idealvorstellung zu sein. Doch während der letzten eineinhalb Jahre hat sich die bezogen auf die technischen Möglichkeiten, die Einsicht der Notwendigkeit und die Einstellungen der Lehrer:innen im Allgemeinen sicherlich verändert. Wir sollten uns aktuell die Frage stellen, ob wir die neu gewonnenen Kompetenzen und die daraus resultierende Gestaltung von Unterricht mit in den Alltag nehmen und inkludieren werden, oder ob wir diese Möglichkeit verstreichen lassen wollen. Die sich in hoher Geschwindigkeit verändernde Lebenswelt unserer Schüler:innen und die Möglichkeit sie in ihrer Entwicklung durch einen breiteren didaktischen Ansatz individuell begleiten und stärken zu können, sollte für uns Anlass genug sein, digitale Medien zu einem festen Bestandteil der Bildungskultur werden zu lassen. Und ja: meine Schüler:innen werden trotz allem weiterhin einen Stift verwenden und auf Papier schreiben.

Philipp Staubitz, CC BY SA 4.0

Dieser Text ist erschienen in: Schulz, L.; Krstoski, I; Lüneberger, M.; Wichmann, D. (Hrsg) (2022): Diklusive Lernwelten (1. Aufl.). Visual Ink Publishing AG,

URL: file:///C:/Users/loomi/Downloads/VisualBooks_DiklusiveLernwelten_Ebook_V1_5.pdf [Datum des Abrufs: 25.01.2022]

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